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Körperbau

Die Anatomie der Kaninchen ist bei allen Rassen identisch, denn ein Kaninchen bleibt ein Kaninchen, auch wenn die Rassen noch so bunt und unterschiedlich groß sind.
Wie bei der Fehleranhäufung beschrieben, gilt in Fragen „Auslese nach der Konstitution“ Gleiches. Die Prägung der Konstitution (die allgemeine und ererbte körperliche Verfassung, der Körperbau) unterliegt der erbbiologischen Veranlagung. Wie beim Menschen werden auch beim Kaninchen Körperbau und Körperformen an die Nachkommen vererbt. Sagt ein Vater stolz: „Junior hat meine Fußballerbeine geerbt, aber Mutters großen Füße“, so bestätigt dies, dass die Konstitution ebenfalls in einer Vielzahl einzelner Gene vererbt wird. Um bei dem Beispiel Fußballerbeine zu bleiben, können Mutters große Füße wieder Vaters Zehennagelform aufweisen. Aber hierbei belasse ich es und komme auf unsere Lieblinge mit Fell zurück.
Die Beschaffenheit des Kaninchenkörpers ist eine erbliche Besonderheit, bei der der Grad einer eventuell früheren Mutation (gemessen an der Größe und Form des Wildkaninchens) nicht exakt abzustecken ist, da mit Sicherheit auch Züchtung, Auslese und Kombination die eigentlichen Spuren der Größenmutation verwischt haben. Aber eines ist bei den Kaninchenrassen wie bei der menschlichen Vererbung gleich, und zwar der Vererbungsablauf bezüglich der Konstitution, die sich nicht selten innerhalb eines Wurfes zeigt. Sehen wir uns die unterschiedlichen Typen und deren Körperbau an, können wir auch hier feststellen, dass es erbliche Zusammenhänge in den Bereichen Körperbau und Wesensart gibt. Wie bei uns Menschen gibt es auch bei unseren Rassekaninchen – und das ganz rasseunabhängig -drei Konstitutionstypen, die sich folgendermaßen gliedern:
Leptosomer Typ
Dieser Typus passt überwiegend in den jeweiligen Größenrahmen seiner Rasse, wirkt aber insgesamt dünn, schwach und ist allgemein feingliedrig. Der Brustkorb dieses Typs ist sehr schwach. Im ihrem Wesen sind diese Tiere ängstlich.
Mesosomer Typ
Breiter Brustkorb und ein breiter Schulterbereich kennzeichnen diesen Körperbautypen. Er ist wahrlich ein Athlet und als dieser vollkommen, wenn seine straffe Fellhaut ein derbes, robustes, kräftiges Skelett verbirgt.
Keine Ecken und Kanten, wie so genannte Hüftbeinhöcker, lockere Schultern oder verjüngte Körperformen, stören. Sein Wesen ist, da wir es hier mit einem Tier zu tun haben, in gewohnter Umgebung und für den gewohnten Umgang offen.
Eurysomer Typ
Eurysomie bedeutet Breitwüchsigkeit und ein Typ mit diesem Körperbau strahlt Behäbigkeit aus. Der Körper wirkt gedrungen, doch diese Wirkung wird eher durch Fettansatz und Bauchigkeit als in einer Folge von Muskeln erzeugt. Der Brustkorb ist eher im unteren Bereich breit und verjüngt sich aufwärts zu den Schultern merklich.
Die Konstitution kann von Umwelteinflüssen, wie Fütterung, Haltung und Bewegung, in ihrer ursprünglichen Erbanlage für die allgemeine körperliche Verfassung positiv und negativ verändert oder sogar verschleiert werden. Zur Erklärung sollte das Beispiel der beiden unterschiedlich aufwachsenden Geschwister im Teil „Qualitative und quantitative Merkmale“ dienen, deren ererbte und zuvor noch erkennbare Gleichheit durch Umwelteinflüsse verloren ging.
Der Erbwert des schlecht entwickelten Tieres ist nicht mehr erkennbar, die Umwelteinflüsse haben ihren Einfluss ins Negative gekehrt. Niemand würde so ein Tier kaufen, dabei kann es durchaus ein tadelloser Vererber sein.
Das Gegenteil wäre die Möglichkeit eines „Blender“-Einkaufs, der im Phänotyp versprechend aussieht, aber in der Erbkraft (Genotyp) die größten Enttäuschungen gespeichert hat.
Die Verbesserung der körperlichen Beschaffenheit innerhalb einer Zucht ist mühsam, wenn es sich um Konstitutionstypen handelt, die schmalwüchsig sind und klar dem leptosomen Typ zuzuordnen sind. Der so genannte athletische Typ ( Mesosomer ) eignet sich gut als Basistier für das Herausmendeln von Konstitutionsfehlern oder -Vorzügen. Ein Mischen von Erbanlagen des eurysomer Typen mit einem Tier mit Mesosomer Anlagen würde ich nur ganz bedingt bevorzugen, sofern es um farbliche, nicht aber um körperliche Merkmale geht.

Das leidige Wammenproblem – wie ist es in den Griff zu bekommen?
Was ist eine Wamme? Eine wulstige Haut-/Fellfalte quer verlaufend im Kehlbereich des Halses in unterschiedlicher Ausprägung und Größe. Eine kleine, gut geformte Wamme ist bei Häsinnen mancher Rassen erlaubt. Standardzitat: „Die Wamme bei Häsinnen ist in der Regel unerwünscht. Soweit eine solche aber zugelassen ist, darf sie nicht groß sein. Auch muss sie eine schöne Form besitzen (sog. Schwalbennestwamme) und unmittelbar am Hals gerade anliegend. Die Ausbildung von Wammen unterliegt neben einer Erbanlage auch Umwelteinflüssen; deshalb treten sie bei älteren Häsinnen häufiger auf. Als, älter gilt eine Häsin vom 13. Lebensmonat an.“ Zitatende. Nimmt diese Erweiterung des Felles im Alter einer Häsin zu, kann sie nicht nur unschöne Formen annehmen, sondern sich auf den gesamten Halsbereich und auf die Brust ausdehnen. Je nach Ausdehnung und Verformung sind solche Erscheinungsformen möglich:
Das lose Brustfell bis hin zur Beinwamme, die große und schiefe Wamme, die Doppel- und Zottelwammen.
Beobachtungen und Fingerspitzengefühl
Es gehört zur Frage des Körperbaus, von dem wir erwarten, das Fell der Kaninchen solle dem Körper straff anliegen. Entgegen dieser Erwartung erlaube ich mir den folgenden Hinweis. Besonders bei großen Rassen (konkret bei Deutschen-Widder-Kaninchen) empfiehlt sich mit viel „Fingerspitzengefühl“ eine gewisse konträre Billigung einer so genannten losen Fellhaut. Gerade im Jungtierstadium haben Deutsche Widder gegenüber den kleineren Rassen einen etwas anderen Wachstumsverlauf. Da sind das Knochengerüst (fachlich Skelett), die Organe, die Anlagen zur Fleisch- und Muskelbildung, und all das umspannt eine vergleichsweise lose Fellhaut. Leger gesagt, hat Mutter Natur dieser Rasse einen etwas großen Mantel geschenkt, in den die Tiere hineinwachsen müssen. Erst die Umwelteinflüsse, die sich ausdrücklich auf die Haltung, Bewegung und Fütterung beziehen, tragen elementar zur optimalen Entwicklung der qualitativen und quantitativen Merkmale bei. Neben der artgerechten, nicht verfettenden oder treibenden Fütterung müssen diese Jungtiere ausreichenden Bewegungsraum erhalten, damit die Anlagen zur Fleisch- und Muskelbildung tatsächlich ausgeschöpft werden. Erst dann kann man konsequente Feststellungen zur Qualität der Fellhaut treffen und verstärkt Tiere mit unerlaubter wie unschöner Wammenbildung und der losen Fellhaut wie allgemein gewohnt merzen. Wie bereits im Zitat genannt, ist die Wamme, in welcher Form sie auftreten mag, eine erblich bedingte Erscheinung. Erst an zweiter Stelle hinterlässt das Milieu seine Spuren. Hier möchte ich Dr. Dorn ergänzend zu Rate ziehen, der in seinem Buch bemerkt: „Das umfangreiche, lockere Brustfell‘ tritt bei besonders schnellwüchsigen, hohen Futterverwertern auf. Ältere Leistungshäsinnen sollten bei losem Brustfell nicht bestraft werden.“ Umstritten ist für mich der Begriff „Leistungshäsin“, denn alle Entwicklungen, die eine Häsin nimmt, sind Leistungen (Wachstum, Haarung, Trächtigkeit, Aufzucht der Jungen). Unumstritten ist die Erfahrung, die mit mir wohl einige Züchter teilen. Solche gerade ausgewachsenen Häsinnen mit einer recht ausgeprägten Brustpartie, welche die Ausstellungen dann mit einem Bewertungshinweis auf ein lockeres Brustfell verlassen, wirken wenig schön, sind aber doch im Hinblick auf ihre Aufzuchtsleistung tolle Muttertiere. Sollten keine gravierenden Fehler bezüglich der Rassenmerkmale, des sonstigen Körperbaus und der Wesenszüge einen Einsatz in das Zuchtgeschehen vereiteln, und entstammen diese Häsinnen einer sonst stabilen Vererberlinie, ohne das Makel loses Brustfell auf ihre männlichen Nachkommen bislang vererbt zu haben, sollte eine solche Häsin unbedingt im Zuchtgeschehen bleiben.
1. Erwiesenermaßen haben diese Kaninchendamen neben dem Makel des lockeren Brustfelles oder der voll ausgeprägten Brustpartie und von runden Körperformen so ihre Vorzüge. Jawohl verehrte Herren Züchter, die Vorteile einer schönen rundlichen Frau sind analog zu sehen. Diese Häsinnen weisen eine breite Beckenpartie auf und erweisen sich meistens als gute Muttertiere. Leider wird bei solchen Häsinnen der starke, breite Kopf vermisst. Mit Recht fehlt er. Eine Häsin mit der annähernd beschriebenen Konstitution ist hormonell noch ungetrübt das weibliche Tier. Gerade, weil alle Welt auch bei den kleinen, ja zarteren Rassen (beispielsweise der Englischen Schecke) nach breiten Köpfen bei Häsinnen schreit, sollte sich der Zuchtfreund glücklich schätzen, ein gutes Muttertier mit den sonstigen Vorzügen der entsprechenden Rasse sowie einer guten, vielleicht auch bewiesenen Erbkraft in seinem Zuchtbestand zu haben. Es ist gut vorstellbar, dass diese Auffassung nicht jeden Geschmack trifft. Sicherlich wirkt ein weibliches Tier mit rundem, markantem Kopf wesentlicher besser. Doch so lange der Mensch Zuchten lenkt, die Entwicklungen der Tiere und Rassen durch künstliche Auslese beeinflusst, plädiere ich dafür, dass in der Biologie auch genetische Informationen erhalten bleiben, die natürlich sind, wenn sie auch weniger schön wirken.
2. Hormonelle Prägungen, wie der vermeintlich unproportionierte Kopf zum sonst untadeligen Körper, sind Ausdruck für eine intakte Struktur im Bereich der geschlechtsbezogenen Biologie. Was soll damit gesagt sein? Eine Häsin mit einem starken Kopf mag in der weiblichen Aufgabenerwartung – Paarungsbereitschaft, Wurfleistung, Nestverhalten, Säugeleistung – noch ganz intakt erscheinen. Die Erfahrung lehrt immer wieder, dass Häsinnen mit zunehmend männlichen Köpfen auch zunehmend hormonelle Störungen zeigen. Die genannten Aufgabenerwartungen bleiben regelrecht auf der Strecke. Die Ergebnisse zeigen sich unter Umständen als kleine Würfe bis gar keine Nachzucht, geringe Säugeleistung bis unzureichende Milchproduktion und/oder spät einsetzende Nestpflege als hormonelle Instinktausprägung.
Wie ist es nun mit der Vererbung der Wamme?
Die Anlagen zur Wamme sind erblich bedingt, beeinflussen erstrangig jedoch die Bildung des lockeren Brustfelles. Die Intensität der Ausprägung in den Schritten lockeres Brustfell, kleine Wamme bis hin zu den Bein- und Zottelwammen dürfte davon abhängig sein, in welchem Maß auch der Rammler die Eigenschaften zum lockeren Brustfell -> Wamme in seinem Erbgut trägt. Folglich basiert dieses unschöne Erbgut auf der Rezessivität, dem Status, bei dem unerwünschte Faktoren von erwünschten verdeckt werden.
In der Praxis bleiben die Gene für diese Veranlagung allgemein durch konsequente Auslese verdeckt, das Erscheinungsbild Wamme wird unterdrückt. Auch hier gilt, bei der Zucht von Tieren ist das intensive Verdrängen noch immer die einzige Möglichkeit, Fehler konsequent zu minimieren.
Wammenlose Rammler sind ein Muss
War im vorangegangenen Text von den Vorzügen einer Häsin mit lockerem Brustfell die Rede, betrachten wir nun die Rammler. Würde ein Rammler mit dem gleichen Fehler in die Zucht eingesetzt werden, hieße das Ergebnis, keine Freude an der Nachzucht zu haben. Das Zusammenführen und Summieren der verborgenen, ruhenden Erbfaktoren für eine Wammenbildung (in welchem Grad auch immer) wäre vorprogrammiert. Die sich in der Rezessivität befindenden Gene für eine Wammenbildung würden im wahrsten Sinne des Wortes erweckt und gestärkt. Die Folge hieße, bei den Jungtieren würde unweigerlich eine Wammenbildung begünstigt. Auch hier ist das paarige Vorkommen einzelner Erbfaktoren für die zum Thema stehende Merkmalsprägung Voraussetzung. Folglich muss zur Vermeidung des Auftretens des Fehlers „unsaubere Kehle und Brust“ stets so behandelt werden, dass diese Faktoren weiterhin verdrängt werden. Sie dürfen keine Gelegenheit bekommen, ihren Genpartner zu finden oder sich in ihrem paarweisen Wirkungsfeld gar zu verstärken (zu summieren). Die beste Lösung ist mit Schaffung des Standards eigentlich gegeben. Nach diesem werden Rammler mit einer Wamme konsequent mit dem „Nb“ bestraft. Nicht der Schönheitssinn des Gremiums hat diese Bewertungsgrundlage beeinflusst, sondern auch die Erfahrung im Zuchtgeschehen wurde hier berücksichtigt.
Ein Züchter hält durchschnittlich bei einem Bestand von ca. zehn Häsinnen zwei bis drei Rammler. Ein weiterer Rammler wird bei einer bereits gefestigten Zucht zur Notwendigkeit. Sozusagen eine „Genreserve“, um bei Verlust eines Rammlers nicht auf die Einführung des sogenannten fremden Blutes zurückgreifen zu müssen, weil dies ja einem Neuanfang gleichzusetzen wäre.
Wird nun ein Deckrammler ausgewählt, werden dessen Erbfaktoren an die gemeinsamen Nachkommen mit allen Häsinnen weitergegeben.
Angenommen, bei einigen der zehn Häsinnen ist die Wammenanlage in unterschiedlicher Form sichtbar, andere sind makellos. Das Vatertier trägt Einzelfaktoren verdeckt in seinem Erbsystem, die aber dessen Phänotyp (äußeres Erscheinungsbild) nicht nachteilig beeinflussen, so können sie andererseits bei der Zeugung der Nachzucht eine Rolle spielen: Nämlich durch die Summierung rezessiver Faktoren zu einer vorherrschenden Kraft. Nach dem Motto „gemeinsam sind wir stark“ wird nun die Fehlerbildung —» Wamme gestartet.
Rechnen wir einmal eine gesamte Nachzucht von 60 Jungtieren, so hätten nun alle Jungtiere eine Wiedervererbungschance im Sinne unseres Themas mit unterschiedlichen sichtbaren Wirkungen. Darunter könnten Jungtiere sein, die beispielsweise von einer weitgehend „halssauberen“ Häsin abstammen und nun aber von beiden Eltern in gewissen Graden belastet sind. Die Häufigkeit einer solchen Möglichkeit ist berechenbar, das Auftreten, das Sichtbarwerden der Erbanlagen jedoch entspricht der Berechnung des intermediären Erbganges. Folglich ist die Hoffnung „es werde schon gut gehen“ ein Frevel, das heißt, der Zuchteinsatz eines im Kehl- und Brustbereich unsauberen Rammlers wäre verwerflich, weil er neben positiven Merkmalen eben auch negative Eigenschaften auf eine breite Nachzucht vererbt.
Aus fachlicher Sicht ist dies ein einfaches, doch klassisches Beispiel der additiven Genwirkung, wie ich sie bereits vielfach anführte. Es ist eine Wirkungsweise, die nicht nur das den Körper formende, erbbiologische Schaffen der Natur anspricht, sondern betrifft in unterschiedlichen Graden alle, ja sämtliche Merkmalsprägungen im Bereich der geschlechtlichen Vererbung.